Multigenespressionstests reduzieren Übertherapien
Quelle: Aktueller Fachbeitrag in der Zeitschrift Schweizer Familie
Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Um den Tumor genetisch besser zu verstehen und gezielter zu behandeln, helfen sogenannte Genexpressionstests. Was diese leisten, erläutert Dr. Astrid Baege.
Frau Dr. Baege, was ist das Besondere am HR+/HER2- Mammakarzinom?
Brustkrebs wird in biologische Untergruppen kategorisiert. Das Hormonrezeptorpositive, HER-2 negative, kurz HR+/HER2- Mammakarzinom, tritt mit rund 70 Prozent aller Mammakarzinome am häufigsten auf. Das Besondere dieses Tumortyps ist, dass die Krebszellen Hormon-«Antennen», sogenannte Rezeptoren, besitzen, über die durch Hormone wie Östrogen und Progesteron das Wachstum angeregt wird. Fehlt gleichzeitig das HER2-Protein, das die Zellteilung anregt, sprechen diese Tumoren sehr gut auf eine antihormonelle Therapie an.
Wie aggressiv ist dieser Tumor im Vergleich zu anderen?
Das HR+/HER2- Mammakarzinom zählt zu den weniger aggressiven Brustkrebsarten. Es wächst meist langsamer als HER2-positive oder triple-negative Tumoren. Bei Letzteren liegen weder Hormonrezeptoren noch HER2 im Übermass vor. Allerdings gibt es bei den hormonabhängigen Tumoren Unterschiede im Tumorwachstum und Vermögen, auch nach vielen Jahren erneut aufzutreten. Deshalb ist eine genauere Analyse wichtig, die uns bei der Wahl der optimalen Therapie unterstützt.
Wie lässt sich heute feststellen, ob eine Chemotherapie sinnvoll ist?
Früher galt: Brustkrebs = Chemotherapie. Heute wissen wir, dass viele Frauen mit einem HR+/HER2- Tumor keinen Nutzen von einer Chemotherapie haben – ihnen helfen alleinige Hormontherapien oft genauso gut, mit weniger Nebenwirkungen. Um festzustellen, ob eine Patientin von einer Chemotherapie profitiert, werden verschiedene Kriterien wie Tumorgrösse, Lymphknotenbefall und Zellteilungsrate berücksichtigt. Noch genauer kann die Entscheidung oft mithilfe von Multigenexpressionstests getroffen werden.
Was können diese Tests?
Sie analysieren die Aktivität bestimmter Gene im Tumorgewebe. Anhand eines genetischen «Fingerprints» kann eingeschätzt werden, wie hoch das Risiko ist, dass der Krebs zurückkehrt – und ob eine Chemotherapie zusätzlich zur Hormontherapie sinnvoll ist. Sie unterstützen uns, individuelle Therapieentscheidungen zu treffen, und ermöglichen es vielen Frauen, eine belastende Chemotherapie zu vermeiden. Mit den Tests lassen sich zudem diejenigen Frauen identifizieren, die nach den herkömmlichen Kriterien fälschlicherweise mit einem vermeintlich niedrigen Rückfallrisiko eingestuft werden.
Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Tests?
Ja, hinsichtlich der unterschiedlichen Methoden und Gen-Signaturen. Sie unterscheiden sich unter anderem in der Zahl und Gewichtung der untersuchten Gene, der Art der Risikoeinschätzung und der Bestimmung des Rückfallrisikos. Einer dieser Tests kann auch den Nutzen einer Chemotherapie und sogar bestimmter Chemotherapeutika vorhersagen.
Wie läuft ein solcher Test, dessen Kosten von der Krankenkasse erstattet werden, ab?
Der Arzt oder die Ärztin entscheidet, ob ein Test sinnvoll ist und bespricht dies mit der Patientin. Der Test wird an einer Gewebeprobe durchgeführt, die bei der Tumorentfernung oder Biopsie entnommen wurde. Innerhalb von etwa zwei Wochen liegt das Ergebnis vor.
Welches Potenzial haben diese Tests mit Blick in die Zukunft?
Multigenexpressionstests könnten noch präziser werden – etwa durch die Kombination mit anderen Biomarkern oder durch künstliche Intelligenz zur Datenauswertung. Sie könnten künftig auch bei anderen Brustkrebsarten vermehrt zum Einsatz kommen und die Medikamentenwirksamkeit personalisieren. Schnellere und kostengünstigere Analysemethoden erlauben mehr Zugänglichkeit auch in Ländern mit begrenzten Ressourcen. Fazit für Patientinnen: mehr Sicherheit, mehr Lebensqualität und weniger Übertherapie.
«Viele Frauen mit HR+/HER2- Tumor haben keinen Nutzen von einer Chemotherapie»
IM INTERVIEW
Dr. med. Astrid Baege
Fachärztin Gynäkologie und Geburtshilfe
Co-Leiterin Swiss Breast Care
Brustchirurgie F.E.B.S.
Schwerpunkttitel Gynäkologische Senologie
a.baege@swissbreastcare.ch
Interview unterstützt durch:
EXACT SCIENCES
Exact Sciences ist ein führender Anbieter von Krebsfrüherkennungs- und Diagnosetests, die die nötige Klarheit bieten, um lebensverändernde Massnahmen zur Verbesserung der Patientenversorgung zu ergreifen. Von der Krebsfrüherkennung bis zur Überweisung und Nachbehandlung hilft Exact Sciences Menschen, die schwierigsten Entscheidungen mit Zuversicht zu treffen.
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